Klimawandel in den Alpen: Österreichs Bergwelt im Klimastress

Zum Abschluss der COP 21 fordern NGOs einen Stopp der Energieverschwendung und des Erschließungsdrucks

Wien, Innsbruck, Salzburg, am 9. Dezember 2015:  Vor dem Hintergrund des Internationalen Tages der Berge am 11. Dezember und der ins Finale gehenden COP 21, erinnern Österreichs größte Naturschutz- und Alpinverbände an die wichtige Funktion von intakten Naturgebieten als Versicherung gegen Klimawandelfolgeschäden. Die Alpen spielen dabei eine Schlüsselrolle: Sie sind Hauptbetroffene der Erderwärmung und müssen die extremen Auswirkungen des Klimawandels bewältigen. Gerade in den Alpenländern sollte es deshalb höchste Priorität haben, wertvolle Bergwälder, Almen, Gletscher und Flüsse vor übermäßigen Eingriffen zu schützen. Doch unsere Gebirgsökosysteme stehen unter dem enormen Erschließungsdruck vor allem einer immer rücksichtsloser agierenden Wintersportindustrie.

Dem aktuellen Sachstandsbericht zum Klimawandel in Österreich zufolge, liegt die Klimaerwärmung im Alpenraum mit zwei Grad Celsius seit dem späten 19. Jahrhundert deutlich über dem Weltendurchschnitt von 0,85 Grad. Mit einem ambitionierten, verbindlichen und überprüfbaren Abkommen gegenzusteuern, ist Aufgabe der aktuellen Klimakonferenz in Paris. Ansonsten werden Extremereignisse und Schäden weiter zunehmen. „Nur gesunde Ökosysteme sind widerstandsfähig genug, um sich an klimawandelbedingte Veränderungen wie größere Niederschlagsmengen anzupassen und Naturereignisse wie beispielsweise heftige Hochwasser abpuffern zu können. Dem Erschließungswahnsinn in den Alpen muss endlich ein Riegel vorgeschoben und die Klimawandelanpassung intakter Ökosysteme zentraler Bestandteil der Klimapolitik werden“, fordert Michael Zika vom WWF.

 

Darauf müsse sich auch der Tourismus einstellen, findet Liliana Dagostin, Leiterin der Abteilung Raumplanung und Naturschutz beim Österreichischen Alpenverein und ergänzt: „Die grandiose Naturlandschaft und Biodiversität der Alpen ist viel zu schade, um sie den privaten Interessen von „Schigebietern“ zu opfern“. Als Negativbeispiel nennt sie die geplante Erweiterung des Skigebiets Zell am See - Schmittenhöhe in Salzburg nach Piesendorf. „Für den Bau dieser vier Lifte und fünf Skipisten werden fast 30 Hektar Lebensraum vieler geschützter Pflanzen und Tiere zerstört. Die Talstation und dazu gehörige Abfahrt liegen auf 760 Metern und sind nach Süd- Südwest ausgerichtet, dagegen kommt spätestens im Frühjahr keine Bescheiungsanlage ohne hygienisch bedenkliche Schneizusätze aus. Dabei gibt's unter 1500 m ohnehin keine Schneesicherheit mehr, wie die Bilder dieser Tage eindrücklich beweisen“, schüttelt Dagostin den Kopf.

 

Ausbauprojekte wie jenes auf der Schmittenhöhe sind aus Sicht der Umweltorganisationen im Hinblick auf den Klima- und den Naturschutz doppelt unsinnig: Die Kunstschneeproduktion verschlingt riesige Energie- und Wassermengen. Über 70 Prozent von Österreichs Skipisten, das entspricht einer Fläche von bis zu 20.000 Hektar, werden mittlerweile permanent beschneit. Allein in Tirol könnte das zur Beschneiung verwendete Wasser den Tagesbedarf von Innsbruck für mehr als ein Jahr decken. Abseits der Ressourcenfrage haben Schneekanonen und Pistengeräte viele weitere negative Folgen für die Natur und Umwelt. So werden Wildtiere besonders in der Nacht durch den Lärm und das Licht gestört, und viele Pflanzenarten ersticken unter häufig präparierten Skipisten. Ihre geschädigten Wurzeln können den Boden nicht mehr ausreichend zusammenhalten, was Erosion und Hangrutschungen begünstigt.

 

Gerade der Wintertourismus solle sein Angebot an die veränderten Bedingungen anpassen und - statt auf noch mehr Technologie fürs begehrte Weiß -, auf einen Strategiewechsel setzen, meint auch Regina Hrbek von den Naturfreunden Österreich. Denn noch mehr Pisten bedeuten noch mehr Versiegelung, häufigere Überschwemmungen und hässliche Brachflächen nach der Schneeschmelze. Die Rodung der Wälder führt zu Erosion und vergrößert die Gefahr von Geröll- und Schlammlawinen. Die Regionen sollten deshalb naturorientierte Tourismus- und Mobilitätskonzepte entwickeln, die sowohl im Winter als auch im Sommer funktionieren. Eine intakte Natur sei schließlich auch das Kapital für eine erfolgreiche wirtschaftliche Regionalentwicklung. „Um die Winterferiengäste zu halten, werben bereits viele Tourismusverbände mit Alternativen zum Skisport. Rodeln und (Schneeschuh-)wandern kann man auch bei einer dünnen Schneedecke. Zugefrorene Seen laden zum Eislaufen ein, Eisstockschießen ist ebenfalls beliebt.“ Als ein positives Beispiel für ein ausgeklügeltes Mobilitätskonzept nennt die Leiterin der Umweltabteilung der Naturfreunde die Kooperation Alpine Pearls: 27 Ferienorte in den Alpen wie Werfenweng und Hinterstoder haben sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Spezielle Packages für die An- und Rückfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Shuttle-Services, Gratisskibusse sowie Elektroautos vor Ort machen sanft-mobiles Reisen möglich.

 

Christine Pühringer vom Naturschutzbund Österreich stößt in dasselbe Horn: „Österreich liegt in Sachen Flächenversiegelung bekanntlich im europäischen Spitzenfeld und lässt der Natur immer weniger Platz. Doch gerade in dem sehr speziellen Lebensraum Alpen können zusätzliche Stressfaktoren entscheidend für das Aussterben einer Art sein. Es braucht endlich mehr Rücksicht auf die Natur, sonst wird auch die Tourismuswirtschaft bald nicht mehr mit schönen Naturerlebnissen werben können!“, so die Ökologin des Naturschutzbundes.

 

Abschließend richten die Umwelt-und Alpinverbände einen Appell an die zuständigen Abteilungen der Bundesländer und vor allem an die verantwortlichen Personen der Raumplanung: Deren Aufgabe ist es, die Nutzung des Bodens vorausschauend zu organisieren und dementsprechend den Flächenverbrauch zu minimieren. Ökologisch wertvolle Natur- und Kulturlandschaften und unberührte Landschaften müssen bei der Entwicklung und Bewilligung von Tourismusprojekten von Anfang an berücksichtigt werden.

Die 253 Seilbahnunternehmen und rund 550 Schlepplift-Unternehmungen in Österreichs Skigebieten verfügen bereits jetzt über 1.098 Seilbahnanlagen und etwa 1.850 Schlepplifte. „Es muss nicht auch noch der letzte unberührte Gipfel erschlossen werden. Die Touristen werden wohl in andere Gebiete abwandern, wenn man in den Alpen keine unberührten Berggipfel mehr bestaunen und durch mystisch-alte Wälder wandern kann, und in den Ortschaften kein Trinkwasser mehr verfügbar ist, weil alles in Schneekanonen und Speicherseen gepumpt wird“, mahnen die Umwelt- und Alpinverbände abschließend.

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